„Die Feministen nehmen uns die Videospiele weg!“ Ein kleiner Rant über das sexistische Verhalten männlicher Spieler

Ich hatte schon länger vor, einen Artikel wie diesen zu schreiben. Seit des Gamer-Gate-Desasters sind immer häufiger Stimmen lauter geworden, die der Ansicht waren, Videospiele würden zu einem Propagandawerkzeug der Feministen verkommen, Entwickler würden an ihren Konsumenten vorbeidesignen, etc. Dass es sich hierbei um puren Schwachsinn handelt, muss ich wohl nicht erwähnen. Obwohl meine politischen Kenntnisse relativ limitiert sind, bin ich mir ziemlich sicher, Propaganda bedeutet nicht das, was diese Leute denken, dass es bedeutet.

Gerade nach der Ankündigung von The Last of Us 2 haben sich wieder ein mal unheimlich viele Spieler auf den Schlips getreten gefühlt, weil sich zwei Frauen geküsst haben, und so etwas absolut nichts in meinen Videospielen verloren hat! Geht woanders lesbisch sein, ich möchte Aliens mit meiner Kettensäge halbieren.

Vor ungefähr einer Woche wurde mir dann eine Tweet-Kette in die Timeline gespült. Sie bestand aus Screenshots von mehreren Dudebros die sich in den Kommentarspalten der Gamestar beziehungsweise Gamepro gegenseitig die Klinke in die Hand drückten und – wie könnte es anders sein – ihren Unmut über Frauen in Videospielen kundtan. Natürlich „nur“ in Battlefield V, weil das ja nicht historisch akkurat ist, ansonsten haben sie ja eigentlich auch gar nichts gegen Frauen und bekochen garantiert ein mal pro Woche ihre Partnerin, damit sie den Rest des Abends entspannt vor der Konsole oder dem PC verbringen können.

Selbstredend blieb es nicht dabei. Die anfängliche stets belastende Kritik, nach welcher sich mittlerweile die Uhr stellen lässt, mutierte zügig zu einem generellen Rant über die frequente Nutzung von Frauen als Protagonistinnen in modernen Spielen.

Otacon, do you think women can bloom on the battlefield?

Es ist schon ein ziemlicher Powermove, sich immer noch über den anscheinenden Mangel historischer Akkuratheit in Spielen mit Weltkriegssetting zu beschweren, wenn selbst das Entwicklerstudio öffentlich verkündet, dass sie kein Interesse an einer akkuraten Darstellung des Krieges haben.

Ein noch größerer Powermove ist es, Screencaps zu ignorieren, die drei Soldaten, welche auf dem Rücken eines Pferdes in vollem Galopp stehen und mit Flammenwerfer sowie schwerem MG um sich schießen, zeigen, wenn das Anerkennen solcher geschichtlichen Ungenauigkeiten nicht in die eigene Narrative passt. Solche Szenarien sind in Multiplayerspielen selbstredend unausweichlich und kein direktes Zeugnis mangelnder historischer Korrektheit. Hätte Dice jedoch unbedingt Wert auf historische Korrektheit legen wollen, hätten sie sicherlich einen Weg gefunden, Situationen wie diese unmöglich zu machen. Das führt mich wieder zu meinem Anfangspunkt: Battlefield will keine lupenreine Rekonstruktion des ersten oder zweiten Weltkriegs sein, weswegen die Existenz von Frauen absolut kein Problem darstellt.

Gerade in Titeln wie Battlefield, oder generell allen Multiplayertiteln ohne Storyfokus, ist die Integration weiblicher Avatare nichts mehr als ein Skin, der weder Vor- noch Nachteile mitsichbringt. Die Charaktere dienen lediglich als Hülle für den Spieler, eine Brücke zwischen Konsumenten und Medium die das Eintauchen ins Schlachtfeld ermöglicht. Außerdem sind diese „Skins“ optional. Kein Battlefield-Spieler dieser Welt ist dazu gezwungen, als eine Frau zu spielen, wenn er es nicht möchte. Bei Fallout, The Elder Scrolls, oder f*****g Pokémon regt sich doch auch niemand darüber auf, dass das Spiel weibliche und männliche Charaktere zulässt.

Ich weiß nicht, wie viele Verfechter der männlichen Würde jemals ihr Zimmer verlassen. Sobald sie das tun, sollte ihnen auffallen, dass Videospiele schon längst keine exklusiv für Männer reservierte Domäne mehr sind. Frauen existieren und sie spielen ebenfalls. Unglaublich, ich weiß. Wäre ich eine Frau, würde ich mich ebenfalls irgendwann fragen, wo die Repräsentation meines Geschlechts bleibt, wenn unser Geschlecht einen nicht zu unterschätzenden Teil der Konsumentenbasis ausmacht. Würde ich niemals irgendwelche weiblichen Charaktere auf dem Bildschirm sehen – abseits der obligatorischen „Damsel in Distress“ – würde ich mich fragen, wie viel Entwicklern überhaupt an mir oder „uns“ liegt.

Das frequentere Auftreten von Frauen in Spielen war nur eine Frage der Zeit. Eine Frage, deren Beantwortung sich meiner Ansicht nach etwas zu lange hingezogen hat, von der ich allerdings froh bin, dass sie – langsam aber sicher – immer häufiger beantwortet wird.

Sagt, was ihr wollt: So vielen Spielerinnen wie möglich das Gefühl zu geben, willkommen, zu Hause, gern gesehen, Synonyme zu sein, ist um ein vielfaches wichtiger als jegliche Ausrede, die ihnen dieses Gefühl nehmen würde. Videospiele sollen in erster Linie Spaß machen. Permanent ausgeschlossen zu werden, gar permanent den Eindruck zu bekommen, niemand will Frauen in Spielen sehen, ist kein Spaß.

 

The Curse of the Tomb Raider

Neben der ständigen Kritik, welcher sich Battlefield ausgesetzt sieht, habe ich einen weiteren Kommentar gelesen, der mich noch mehr als ein typisches ranked Overwatch-Match tiltete. Ich will nicht sagen, dass ich die Antipathie gegenüber Dice verstehe. Allerdings sehe ich, wo sie ihren Ursprung hat – schließlich waren fast nur Männer auf den Schlachtfeldern dieser Welt unterwegs.

Was ich dahingegen nicht verstehen kann, ist, wenn mir jemand weiszumachen versucht, nur ausgewählte weibliche Charaktere seien für diese Person tragbar. Ein User hat tatsächlich gemeint, die einzige für ihn ertragbare weibliche Figur wäre Lara Croft; alle anderen Protagonistinnen, wie beispielsweise Aloy aus Horizon: Zero Dawn, böten ihm eine zu geringe Identifikationsgrundlage. Er möchte wieder einen Mann spielen, da es leichter sei, sich in die Haut dieses Charakters hineinzuversetzen.

Inwiefern ist eine Lara Croft akzeptabler als jede beliebige andere Protagonistin? Liegt es daran, dass sich Tomb Raider in der Szene etabliert hat, bevor Männer das Gefühl bekamen, Frauen wollen ihnen ihre Spiele wegnehmen? Wenn es so ist, handelt es sich um keine schlüssige Aussage. Ein Releasezeitpunkt kann unmöglich das Wesen eines Charakters formen. Alles, was ich aus Kommentaren wie diesen lese, ist blanke Heuchelei.

Lara Croft hatte in den frühen TombRaider-Ablegern nicht mal eine wirkliche Persönlichkeit. Sie kletterte durch Ruinen und schoss auf alles, was sie bedrohte. Ist eventuell genau das der springende Punkt? Wenn es so wäre, müssten weibliche Figuren in Battlefield ja eigentlich kein Problem darstellen, existieren sie im Kontext des Spiels doch lediglich für die Action.

Selbst im ersten Reboot wurde Lara als ein anfänglich ängstlicher Charakter etabliert, dem es Leid tat, ein Reh zu töten. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass das der Charakter ist, mit welchem sich Spieler identifizieren wollen, wenn sie den neuen Kratos für das höchste der Gefühle halten.

 

Das Ende vom Lied

Wenn die Story eines Spiels schlecht, oder gar das gesamte Spiel schlecht ist, kann ich euch versprechen, liegt es nicht daran, dass eine Frau die zentrale Figur des Werkes war. Des weiteren möchte ich mit diesem Artikel nicht sagen, dass Männer in Zukunft keinen Platz mehr in Videospielen haben sollen dürfen. Wenn ein Writer unbedingt einen Mann als Protagonisten für seine nächste Geschichte vorsieht, sehe ich mich nicht in der Position, seine artistische Vision anzuzweifeln, oder viel eher sämtlichen Devs vorzuschreiben, wie sie ihren Job zu erledigen haben. Wenn überhaupt würde ich eventuell irgendwann mal fragen, ob wir in naher Zukunft in die Rolle einer Frau schlüpfen können, nicht aber, warum der aktuelle Titel keine beinhaltet. Ich würde vielleicht nicht immer mit der Antwort d’accord sein, den Antwortgebenden allerdings auch nicht für sie steinigen.

Bedenkt, dass beispielsweise Charakterzüge, die wir Geschlechtern zuordnen, nichts weiter als das Produkt unserer Gesellschaft sind. Keine Figur ist von Natur aus männlich, nur weil sie Sache „x“ macht, keine Figur ist von Natur aus weiblich, nur weil sie Sache „y“ trägt. Das Geschlecht eines Charakters sollte keine Rolle bei der Identifikation spielen – dafür sind seine oder ihre Eigenschaften da. Will mir irgendjemand erzählen, ich könne mich nicht mit einem weiblichen Charakter identifizieren, nur, weil ich mit einem anderen Teil zwischen meinen Beinen geboren wurde?

Das augenscheinlich plötzliche Verlangen vieler, mehr Frauen in Videospielen zu sehen, kommt nicht daher, weil sie jemandem etwas aberkennen wollen, sondern daher, weil Frauen lange Zeit fehl- und/oder unterrepräsentiert waren. Denkt mal darüber nach, wie viele Männer im Zentrum von Hittiteln der letzten Dekade standen. God of War, Halo, Ratchet & Clank, Jak & Daxter, Shadow of the Colossus, The Last of Us, Call of Duty (Kampagne), Persona, Metal Gear Solid, Yakuza. Und die sind mir jetzt nur spontan eingefallen.

Wenn ein Entwickler demnächst ein neues Spiel ankündigt, welches eine Frau als Lead haben wird: Zieht den Stock aus eurem Hintern und schlagt den Duden-Eintrag von Sympathie auf.

 

 

2 Gedanken zu „„Die Feministen nehmen uns die Videospiele weg!“ Ein kleiner Rant über das sexistische Verhalten männlicher Spieler

  1. Was ja noch viel merkwürdiger am Aufschrei des angeblich ach so überraschenden lesbischen Kusses in The Last of Us 2 ist, ist das Ellies Sexualität bereits im ersten Spiel behandelt wurde, und somit dies eigentlich weder neu noch überraschend sollte.

    Aber vielleicht ist das auch die Fraktion „Ich hab nichts gegen queere Leute… solange sie’s mir nicht penetrant unter die Nase reiben, in dem sie es ganz unverfroren dreist ausleben“.

    Gefällt mir

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